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Einheit

Geschäftsmodelle

Welche Geschäftsmodelle gibt es rund um FOSS?

7 Minuten

Lernziel

Nach dieser Einheit verstehst du, wie sich aus FOSS tragfähige Geschäftsmodelle entwickeln lassen. Du kannst außerdem typische Geschäftsmodelle wie Subscriptions, Hosting, Open Core und Dual Licensing voneinander unterscheiden.

Geschäftsmodelle rund um FOSS

Projektfinanzierung und Geschäftsmodell sind nicht dasselbe. Die Finanzierung erklärt, woher ein Projekt seine Ressourcen erhält. Ein Geschäftsmodell beschreibt, welchen Nutzen ein Unternehmen für Kundinnen und Kunden schafft, wie es diesen Nutzen bereitstellt und womit es Einnahmen erzielt.

Bei FOSS liegt der verkaufbare Mehrwert nicht im exklusiven Besitz des Quellcodes, sondern in Verlässlichkeit, Fachwissen, Integration oder der Übernahme betrieblicher Verantwortung. Warum der fehlende exklusive Zugang zum Quellcode nicht bedeutet, dass FOSS immer “günstig” angeboten werden muss, hat Richard Stallman in seinem Artikel zum Verkauf freier Software erläutert.

Nachfolgend sind die grundlegenden Geschäftsmodelle rund um FOSS aufgeführt. Sie wurden in weiten Teilen bereits 1999 durch Eric S. Raymond in seinem Artikel The Magic Cauldron beschrieben. Mehrere Modelle lassen sich miteinander verbinden und treten in der Praxis häufig als Mischformen auf.

Support, Wartung und Subscriptions

Unternehmen bieten planbare Reaktionszeiten, Service Level Agreements, Sicherheitsupdates, länger gepflegte Versionen oder Unterstützung durch erfahrene Fachleute an. Bei einer Subscription bezahlen Kundinnen und Kunden regelmäßig für ein Gesamtpaket aus getesteter Software, Updates, Dokumentation, Zertifizierungen und Support.

Der Wert entsteht durch die Zusage, eine definierte Version zuverlässig über einen bestimmten Zeitraum zu pflegen. Eine Enterprise-Linux-Distribution wie Red Hat Enterprise Linux ist ein typisches Beispiel für ein Subscription-Modell. Auch Nextcloud bietet für geschäftskritische Installationen Enterprise-Subscriptions mit Support und langfristiger Pflege an.

Beratung, Integration und Auftragsentwicklung

FOSS kann frei verfügbar sein und dennoch erhebliches Wissen für Einführung und Betrieb erfordern. Beratungsunternehmen unterstützen bei Auswahl, Architektur, Migration, Anpassung, Integration und Compliance. Sie können außerdem kundenspezifische Funktionen entwickeln oder bestehende Komponenten für besondere Hardware und Prozesse anpassen.

Dieses Modell ähnelt dem Beratungsgeschäft rund um proprietäre Software. Der offene Quellcode senkt jedoch die Abhängigkeit von einem einzelnen Hersteller und ermöglicht mehreren Anbietern, miteinander zu konkurrieren. Ein Dienstleister muss sich deshalb durch Erfahrung, Qualität, Branchenkenntnis oder eine enge Beteiligung am Projekt auszeichnen.

Training und Zertifizierung

Schulungen, Lernmaterialien, Prüfungen und Zertifizierungen können eigenständige Einnahmequellen sein. Besonders bei weitverbreiteten Technologien entsteht ein Bedarf an nachweisbarer Qualifikation. Projektnahe Organisationen besitzen oft einen Vorteil, weil sie aktuelle Inhalte, anerkannte Zertifikate und direkten Zugang zu Fachleuten anbieten können. So bietet beispielsweise die Linux Foundation ein umfangreiches Schulungs- und Zertifizierungsprogramm rund um Linux, Systemadministration, Cloud-Technologien und weitere Themen an.

Hosting und Software as a Service

Bei einem Hosting- oder SaaS-Modell bleibt die zugrunde liegende Software FOSS. Bezahlt wird für den komfortablen Betrieb: Bereitstellung, Updates, Skalierung, Backups, Überwachung, Sicherheit und Support. Kundinnen und Kunden könnten die Software selbst betreiben, entscheiden sich aber dafür, technische Verantwortung an einen Dienstleister zu übertragen.

WordPress.com ist beispielsweise ein kommerzielles Managed-Hosting-Angebot auf Basis der Open-Source-Software WordPress. Auch für Nextcloud gibt es vollständig verwaltete Angebote verschiedener Provider. Dieses Modell kann sowohl vom ursprünglichen Hersteller als auch von unabhängigen Dienstleistern genutzt werden. Bei netzwerkbezogenen Copyleft-Lizenzen wie der AGPL können für veränderte, über ein Netzwerk bereitgestellte Software zusätzliche Pflichten entstehen. Die Einzelheiten dazu behandelt die Einheit Lizenzierung und Urheberrecht.

Open Core

Beim Open-Core-Modell bildet eine FOSS-Version den Kern des Produkts. Erweiterte Funktionen, häufig für große Unternehmen, werden unter einer proprietären oder lediglich source-available Lizenz angeboten. Einnahmen entstehen durch diese kommerziellen Funktionspakete und die damit verbundenen Subscriptions.

GitLab bezeichnet sein Modell selbst als Open Core: Die Community Edition steht unter der MIT-Lizenz, während kostenpflichtige Stufen zusätzliche source-available Funktionen enthalten. Für den Anbieter besteht die Herausforderung darin, eine überzeugende offene Version zu erhalten und zugleich genügend Mehrwert für zahlende Kundschaft zu schaffen. Werden besonders wichtige Funktionen dauerhaft der proprietären Variante vorbehalten, kann dies das Vertrauen und die Beteiligung der Community schwächen. Die kommerziellen Erweiterungen sind nicht FOSS, auch wenn das Gesamtprodukt häufig als Open-Source-Lösung vermarktet wird.

Dual Licensing

Beim Dual Licensing wird derselbe Programmcode unter zwei unterschiedlichen Lizenzen angeboten. Eine FOSS-Lizenz erlaubt die Nutzung unter ihren jeweiligen Bedingungen, ohne dass dafür eine kommerzielle Lizenz erworben werden muss. Alternativ können Kundinnen und Kunden eine kommerzielle Lizenz erwerben, wenn sie andere Bedingungen benötigen, etwa weil sie die Pflichten einer Copyleft-Lizenz nicht erfüllen können oder zusätzliche Leistungen wünschen.

Dieses Modell setzt voraus, dass der Anbieter die notwendigen Rechte am gesamten betroffenen Code besitzt. Bei externen Beiträgen müssen entsprechende Rechte eingeräumt werden, damit das Unternehmen den Code auch unter der zweiten Lizenz anbieten kann. Das Framework Qt ist ein bekanntes Beispiel: Es steht je nach Komponente unter FOSS-Lizenzen wie LGPL oder GPL sowie unter kommerziellen Lizenzen zur Verfügung. Open Core und Dual Licensing sind daher klar zu unterscheiden: Bei Open Core haben offene und proprietäre Produktteile unterschiedliche Funktionen; beim Dual Licensing wird derselbe Code unter unterschiedlichen Bedingungen angeboten.

Hardware, offene Plattformen und ergänzende Produkte

FOSS kann den Absatz anderer Produkte fördern. Ein Hardwarehersteller kann offene Software für seine Geräte bereitstellen und Einnahmen mit der Hardware, Zubehör, Cloud-Diensten oder Wartung erzielen. Die offene Software erleichtert Anpassungen, schafft Vertrauen und kann weitere Hersteller sowie Entwicklerinnen und Entwickler für eine Plattform gewinnen.

Ein verwandtes Modell ist eine offene Basis mit separaten kommerziellen Ergänzungen. Das Android Open Source Project (AOSP) stellt die frei nutzbare Grundlage der Android-Plattform bereit. Google Mobile Services (GMS), darunter Anwendungen und APIs von Google, sind dagegen nicht Teil von AOSP und werden separat lizenziert. Dieses Modell ist nicht mit Open Core gleichzusetzen: Der kommerzielle Wert liegt hier in ergänzenden Anwendungen, Diensten und dem Plattformökosystem, nicht nur in zusätzlichen Funktionen desselben Softwareprodukts.

Übersicht der Geschäftsmodelle

GeschäftsmodellMonetarisierungÄhnlichkeiten zu proprietärer SoftwareUnterschiede zu proprietärer Software
Support, Wartung und SubscriptionsWiederkehrende Gebühren für getestete Updates, lange Pflegezeiträume, Service Level Agreements, Zertifizierungen und fachlichen SupportAuch proprietäre Anbieter verkaufen Supportverträge, garantierte Reaktionszeiten, Updates und langfristig gepflegte ProduktversionenBezahlt wird für Verlässlichkeit und Dienstleistungen, nicht für ein exklusives Recht zur Nutzung der Software
Beratung, Integration und AuftragsentwicklungProjekt- oder Beratungsentgelte für Auswahl, Migration, Architektur, Integration, Anpassungen und neue FunktionenEinführung, Anpassung und Integration werden auch rund um proprietäre Produkte als professionelle Dienstleistungen angebotenDer offene Quellcode ermöglicht mehreren Dienstleistern, Leistungen anzubieten, und reduziert die Bindung an einen einzelnen Hersteller
Training und ZertifizierungGebühren für Schulungen, Lernmaterialien, Prüfungen und anerkannte ZertifikateHersteller proprietärer Software bieten ebenfalls kostenpflichtige Schulungen und Zertifizierungsprogramme für ihre Produkte anMonetarisiert werden Wissen und Qualifikationsnachweise, während die Software weiterhin frei genutzt werden kann
Hosting und Software as a ServiceRegelmäßige Gebühren für Bereitstellung, Betrieb, Updates, Skalierung, Backups, Sicherheit und SupportWie bei proprietärem SaaS zahlen Kundinnen und Kunden regelmäßig für die Nutzung einer vollständig betriebenen AnwendungKundinnen und Kunden können die FOSS-Software grundsätzlich auch selbst oder bei einem anderen Anbieter betreiben
Open CoreLizenz- oder Subscription-Einnahmen aus proprietären beziehungsweise source-available Zusatzfunktionen und Enterprise-PaketenAuch bei proprietärer Software kann ein Kern als Freeware kostenfrei bereitgestellt werden, während Erweiterungen kostenpflichtig sindNur der Kern ist FOSS; die kostenpflichtigen Erweiterungen sind im Unterschied dazu nicht Open Source
Dual LicensingEinnahmen aus einer kommerziellen Lizenz für denselben Code, wenn andere Bedingungen oder zusätzliche Leistungen benötigt werdenAuch proprietäre Anbieter unterscheiden Lizenzbedingungen nach Zielgruppe und NutzungsszenarioDerselbe Code bleibt parallel unter einer FOSS-Lizenz verfügbar; bezahlt wird für alternative Lizenzbedingungen
Hardware, offene Plattformen und ergänzende ProdukteVerkauf von Hardware, Zubehör, Cloud-Diensten oder separat lizenzierten Anwendungen und APIsAuch proprietäre Plattformanbieter erzielen Einnahmen mit Geräten, Diensten, Zubehör und einem verbundenen ÖkosystemDie FOSS-Software bildet eine offene Grundlage; die Einnahmen entstehen mit ergänzenden Angeboten statt durch die Einschränkung der Softwarebasis

Auswahl und Kombination eines Geschäftsmodells

Welches Modell geeignet ist, hängt vom Produkt, der Lizenz, der Zielgruppe und der Verteilung der Rechte am Quellcode ab. Unternehmen sollten insbesondere prüfen:

  • Für welchen konkreten Nutzen sind Kundinnen und Kunden bereit zu bezahlen?
  • Werden wiederkehrende Leistungen wie Betrieb, Pflege oder Support benötigt oder handelt es sich eher um einzelne Projekte?
  • Besitzt das Unternehmen die erforderlichen Rechte an proprietären Erweiterungen oder für das Angebot desselben Codes unter mehreren Lizenzen?
  • Können Wettbewerber dieselbe Software hosten oder vergleichbare Dienstleistungen anbieten, und wodurch unterscheidet sich das eigene Angebot?
  • Unterstützt das Modell die offene Community oder erzeugt es dauerhaft gegensätzliche Interessen?
  • Wie fließen Einnahmen, Arbeitszeit und Verbesserungen in das zugrunde liegende Projekt zurück?

In der Praxis entstehen oft Mischformen. Ein Unternehmen kann beispielsweise Subscriptions, Beratung, Schulungen und Managed Hosting zugleich anbieten. Entscheidend ist, den kommerziellen Mehrwert klar zu benennen und transparent zwischen FOSS, proprietären Bestandteilen und Dienstleistungen zu unterscheiden. Ein tragfähiges Modell schafft nicht nur Einnahmen, sondern unterstützt auch die langfristige Pflege der technischen Grundlage, von der das Angebot abhängt.

Referenzen

Kontrollfragen
Was beschreibt ein Geschäftsmodell im Unterschied zur Projektfinanzierung?
Wofür bezahlen Kundinnen und Kunden typischerweise bei einer FOSS-Subscription?
Bei einem Hosting- oder SaaS-Modell kann die zugrunde liegende FOSS-Software grundsätzlich auch selbst oder bei einem anderen Anbieter betrieben werden.
Worin liegt der grundlegende Unterschied zwischen Open Core und Dual Licensing?
Für Dual Licensing muss der Anbieter die notwendigen Rechte besitzen, um den betroffenen Code unter mehreren Lizenzen anbieten zu dürfen.
Welche weiteren Möglichkeiten zur Wertschöpfung rund um FOSS beschreibt die Einheit?